Skudden und Wölfe

Zwei unserer Skudden. Hier sieht man deutlich den Wolfszaun, der aus zwei weissen Bändern vor dem eigentlichen Schafsnetz besteht.

Zwei unserer Skudden. Hier sieht man deutlich den Wolfszaun, der aus zwei weissen Bändern vor dem eigentlichen Schafsnetz besteht.

Seit Sommer 2013 haben wir eine kleine Herde Skudden, die sich um die Pflege der Streuobstwiese kümmern. Weil wir keine andere Lösung haben, die Herdengröße auf humane Weise konstant zu halten, besteht die Herde momentan nur aus Weibchen. Skudden sind in dieser Region angestammte Heideschafe, die auf der roten Liste stehen. Sie sind angepasst, genügsam und eignen sich hervorragend als Landschaftspfleger. Sie sind als kleinste deutsche Schafsrasse sehr niedlich, aber auch scheu, also keine Streicheltiere.

Anfang Februar 2014 wurden in Lychen fünf Schafe mutmasslich von einem Wolf gerissen. Ein einzelner Wolf war dort in der Nähe vorher von einem Jäger gesehen worden und es wurden auch schonmal zwei Wölfe in unserer Nähe von einem Wanderer gesichtet.

Weil wir es nicht draufankommen lassen wollen, haben wir unsere Zäune „wolfssicher“ gemacht: Vor dem Elektroschafsnetz laufen an separaten Zaunpfählen ein elektrifiziertes Band in geringer Höhe, um ein Unterkriechen des Netzes zu verhindern und als optischer Übersprungschutz in 1,20m Höhe ein weiteres, aber stromloses weisses Band. Das sollte ausreichen, um unser Wohlwollen gegenüber den Wölfen nicht kippen zu lassen.

Warum  sind Skudden vom Aussterben bedroht?

Oder: Wieso der Schlaue manchmal der Dumme ist.

Sommer 2013, drei neue Schafe, Skudden wohlgemerkt, haben sich nach ein paar Wochen in unserem grünen Innenhof an uns gewöhnt und es gelingt uns, zwei von ihnen zu schnappen, nachdem wir sie an einen Futtereimer gewöhnt haben.                             Nummer drei (-malschlau) will es auf die harte Tour, rennt durchs Schafsnetz und bleibt zum Glück hängen. Nach einigem rumwursteln bringen wir alle drei auf die neue Weide. Irgendwie scheinen sie ihre sinnlose Aktion einzusehen.

Herbst 2013, nach misslungenem Futtertrick: Zwei Deppen rennen anderthalb Stunden hinter erst drei, dann zwei und -am Ende natürlich der schlauen Nummer drei her, bis allen fünf die Zunge zum Hals heraushängt. Keine Einsicht bei Nummer drei, wie sich später zeigen wird, dafür fangen aber wenigstens die zwei Junghalter an zu überlegen, wie sie beim nächsten mal den Stresslevel für alle reduzieren können. Klauen sind geschnitten.

Winter 2014, in der Zwischenzeit wurden ein Pferch und vier Gatter gebaut. Ausserdem sind wir drei gegen drei. Fixe Geschichte: Schafe in den Pferch, dicht gemacht, das Gehege mittels Gattern verkleinert. Einer rein und jeweils ein Fänger pro Ausgang (vom Gatter ins Gehege und vom Gehege auf die Weide). Es wurde auch ein Schäferstab gebastelt, der aber fortan eher symbolische Funktion hat. Die Schäfchen lassen sich in altbekannter Reihenfolge fangen, eines springt Rike in den Arm beim Versuch, vom Gatterteil ins Gehege zu entkommen. Beide gucken gleich verdutzt. Klauen gemacht, Wurmmittel gegeben.

Frühsommer 2014, Scheren und Klauenpflege. Wir sind zu zweit, die Schafe sind auf der Weide, weil der Pferch wegen Renovierungsarbeiten nicht nutzbar ist (halb offen, weil wir einen höheren Wildzaun ziehen zum angrenzenden Nutzgarten). Also einen Pferch aus Schafsnetz gesteckt, innen die Gatterteile aufgebaut und die Schafe reingetrieben. Das geht schon gut, wir sind ja lernfähig. Nur sind die Schäfchen recht aufgeregt. Nummer eins schnappen wir uns fix, scheren dauert ewig mit der ollen Schäferschere, die zwar scharf ist, wo sich aber der Neuscherer schwer tut, aus Angst, das Schaf zu verletzen. Daneben jammert das Töchterchen, was uns den letzten Nerv raubt. Am besten schlägt sich noch das Schaf, dass alles ruhig über sich ergehen lässt. Nachdem die Tochter beim Nachbarn geparkt ist: Kurzum, Nummer zwei springt uns mittendrin, halb geschoren davon, Nummer drei büxt über den Zaun aus, also alle raus, anders gehts nicht, alle wieder rein, Nummer zwei wieder gepackt (böses Foul von mir, aber effektiv) und fertig geschoren inkl. Klauenpflege. Oje, Nummer drei. Du weisst, was jetzt kommt. Und es wird kommen. Na klar, erst nochmal über den Zaun. Also wieder rein, diesmal sogar, ohne dass alle raus müssen. Ein weiterer Versuch, und ein drittes Mal gehts nur noch mit der Nase in den Zaun und da ist Schluss. Undankbares Rumgezappel, aber beim dritten Mal kann man beim Scheren schon fast von Routine sprechen.  Klauen geschnitten, Gnitzen verflucht, die unsere Arme ordentlich perforiert haben und alle sind zufrieden. Die Schafe sehen aus wie gerupft, doch der Sommer kann kommen.

Wir wissen aber nun: Deswegen sind die also vom Aussterben bedroht…

Zwischenstand bzw. es scheint, das Nirvana wurde erreicht:                                                       Auf der Schafsweide: Zuerst kommt ein innerer Zaun (aus Schafsnetz) da rein, dort werden die Schafe hineingetrieben. Dazu sollte die Öffnung am Aussenzaun anliegen, so dass die Schafe hineingeleitet werden. Dann schnell schliessen. Vier Holzgatter werden zu einem Pferch aufgebaut. Im inneren Zaun, aber mit Abstand, damit die Schafe nicht gleich über beide rüberspringen können. Danach nimmt man einen dritten Schafszaun und führt den von dem linken Holzgatter zum rechten, bereits um die Schafe herum und verkleinert diese letzte, innere Fläche sukzessive. Idealerweise sind am Ende alle Schafe im Pferch, das vierte Gatter schliesst die letzte Seite. Jetzt kann mehr oder weniger bequem, jedenfalls mit einem Minimum an Stress für alle Beteiligten ein Schaf nach dem anderen aus dem Pferch genommen werden und was weiss ich damit veranstaltet werden. Wir haben noch nie derart entspannt Klauen geschnitten und entwurmt, da fehlt einem fast schon was ohne das Rumgerenne…Eigentlich könnten wir jetzt auch endlich die Herde vergrößern. UND: Nach nichteinmal anderthalb Jahren der Auseinandersetzung zeigt sich herrlich die Überlegenheit des menschlichen Geistes über die niedere Kreatur. Knapp, aber herrlich.

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