Der See im Winter

Ein eigenartiges Gefühl, wie wenn man träumt und sich die Sinne nicht so richtig einig sind, überkommt mich. Meine Muskeln sagen ich schwimme, meine Haut sagt mir, dass ich trocken bin. Allerdings stimmen meine Hände den Muskeln zu. Des Rätsels Lösung: Ich trage meinen Trockenenzug und bin nochmal eben ins Wasser gegangen, bevor ich in mein Kajak steige. Das Wasser an den Händen ist eiskalt, am Ende des Nachmittags werden meine Füße ebenfalls ziemlich kühl sein, weil Sie die ganze Zeit in den nassen Schuhen steckten. Da nützt es nur wenig, dass die Latexfüßlinge das Wasser von der Haut fernhalten.

Dann gehts los. Das Ufer lasse ich hinter mir und ein frischer Wind bläst mir gegen den Rücken. Je nach Kurs schaukeln mich die Wellen durch, heute lege ich relativ wenig Wert auf den idealen Kurs, denn der Trockenanzug macht mich etwas tollkühn. Mit diesem schlechten, neuen Stil überquere ich den See zweimal, und der Wind rauscht am Paddelblatt in Luv und bläst Tropfen in mein Gesicht. Schwarzweisse Gänsesäger schwirren um mich herum, hopsen auf den Wellen, fliegen in kleinen Gruppen durchs Bild. In der Zielgegend angekommen, paddle ich näher unter Land in den Waldschatten, damit die trübe Sonnenscheibe nicht mehr blendet und ich besser nach dem Verbindungskanal suchen kann, den ich heute erkunden möchte. Nach kurzer Suche und einer Extrarunde, um den Wind nutzend elegant einzufahren schiebt sich der Bug des Kajaks über eine lose Schilfmatte aus schwimmenden Halmen, die der Wind dort hingeschwemmt hat. Das ist der Eingang zum Auwald, der links und rechts des schmalen Wasserwegs steht. Erlen und Grasbüschel wachsen um mich herum, keine Tiere zu sehen, kein Vogel zu hören. Windstille. Vollkommen leise gleite ich durch die Szenerie, bis ein Zweig am Bootsrumpf entlangkratzt wie ein Fingernagel über eine Schultafel. Dem folgen noch viele weitere, meine erhoffte Tierbeobachtung scheint dahin. Zweimal muss ich aussteigen, jedesmal wird der sonst so schwarze Grund vorher sandhell und trittfest. Das Boot hebt sich ohne mich aus dem Wasser und ich schiebe es über die helle Untiefe, die das dort schneller fliessende Wasser saubergespült hat. Bei der zweiten Untiefe ist eine kleine Brücke zu unterqueren, ein Radweg führt hier durch den Wald, vielleicht um den See. Dahinter sehe ich einen weiteren See, viel kleiner als der erste, mit Bungalows am rechten Ufer und Wald am linken. Leise gleite ich durch den Uferbereich, der links und rechts der Ausfahrt mit Schilf bewachsen ist. Nach kurzem Zögern entscheide ich mich dazu, die Waldseite für den Hinweg zu nehmen. Es ist ein Buchenwald, der sich vom Ufer einen Hang hinauf erstreckt. Hier ist ein wenig mehr Leben als im Auwald. Zumindest sehe ich hier mehr Vögel. Dann höre ich ein aufgeregtes Piepsen, dessen Urheber sich von schräg hinter mir nähert und mich schnell überholt. Es ist ein Eisvogel. Er sieht aus, wie wenn ein Wassertropfen über eine heisse Herdplatte perlt. Sehr dicht über der Oberfläche und mit schnellen, unsichtbaren Flügeln. Nur viel schöner, blau schimmernd am Rücken. Irgendwann setzt er sich auf einen umgestürzten Baum am Ufer, fliegt aber bald wieder auf. Das ist für mich ein Highlight, mit dem ich nicht gerechnet habe. Ich setze meine Fahrt fort, komme am Ende des Sees an und entscheide, auch den Rückweg auf dieser Uferseite anzutreten. Fast ärgere ich  mich, mein Fernglas zuhause gelassen zu haben. Dann fliegen plötzlich noch zwei Enten auf, und wie immer ist nicht klar, wer sich mehr erschreckt hat, sie oder ich. Ein Fischreiher fliegt relativ hoch über den See. Ruhig nähere ich mich dem Kanaleingang, da quert der Eisvogel nochmal meinen Kurs von rechts nach links Richtung Schilf und Auwald. Angestrengt starre ich ihm hinterher in den dunkleren Wald. Er ist weg. Ich bin nahe des Kanaleingangs, als ich ihn ein drittes Mal sehe. Ich versuche, in aller Gelassenheit zu erstarren, der Wind treibt mich ganz langsam auf ihn zu. Der Eisvogel sitzt wieder auf einem umgestürzten Baumstamm, vielleicht einen Meter über dem Wasser. Ich frage mich, wann er wegfliegt, versuche, nicht zu blinzeln, um ihn nicht zu verlieren. Vor lauter Konzentration scheinen sich die Farben meiner Umgebung zu verändern und das Wasser mit kleinen, glitzernden Wellen auf den Eisvogel zuzuströmen. Doch nichts bewegt sich, mein Boot liegt jetzt ganz still an einem Schilfhalm, der abgebrochen im Wasser steht. Der Eisvogel knallt wie ein Stein ins Wasser, fliegt wieder auf den Baumstamm, schüttelt sich und sitzt aufgeplustert da, jetzt kann ich sogar an seinem dicken, langen Schnabel sehen, dass er etwas im Wasser beobachtet. Dann fliegt er weg.

Es geht zurück durch den Kanal, der Auwald wie eine Zwischenwelt, der die stimmungsvollen Seen voneinander trennt. Besser wirds heute nicht mehr, die Beobachtung des Eisvogels ist nicht zu toppen, zumal sich heute keine Seeadler blicken lassen. Drei Graureiher fliegen noch über mich hinweg, ich habe sie im Winter öfters in kleinen Gruppen erlebt. Als ich wieder im offenen Wasser bin und nun gegen den Wind muss, bewundere ich die gewellten, schlierigen Wolken über mir. Es ist ein heller Tag, trotz Wolken und tiefstehender Sonne. Da erscheint ein Fahrzeuglicht an meinem Startpunkt. Es ist eine kleine Geländemaschine, die vom Fahrer auf den Steg geschoben wird. Ich rufe ihm zu, dass die Fähre heute nicht fährt, und er findet es witzig. Als ich beim Umziehen gerade mit dem Kopf in der Halsmanschette steckend rumstolpere und ums Überleben kämpfe, fährt er an mir vorbei. Da hat er wahrscheinlich nochmal gelacht. Ich bekomme es aber nicht mit, weil meine Ohren brennen und meine Nase vom Latex nach oben gezerrt wird, während ich mit kalten Fingern versuche, nicht allzu viele Haare mit auszureissen. Das ist es trotzdem wert. Der Trockenanzug macht das Wintersolopaddeln viel sicherer und ist um Längen bequemer als mein Neoprenanzug. Ich habe einfach meine Klamotten drunter angelassen und nicht extra den Fleeceunterzieher angezogen, der dazu gehört. Alles vollkommen trocken geblieben, selbst die Ärmel, obwohl die ganze Zeit das Paddelwasser Richtung Handgelenke lief. Hochzufrieden fahre ich nach Hause, kann kaum glauben, nur drei, vier Stunden weg gewesen zu sein. Ich freue mich schon auf die nächste Entdeckungstour.

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