Brunnenwahn

–Vorsicht, dieser Bericht ist ungefähr so lang wie die darin erzählte Odyssee—P1000684

Irgendwie kam mir die Idee, den jüngeren unserer beiden Brunnen wieder in Gang zu setzen oder zumindest den Versuch zu starten.

Also ging ich daran, die kleine Kegelhaube, die oben auf dem 2m-Rohr sitzt, hochzuklopfen. Das ging recht einfach. Als nächstes kamen Schwengel und Pumpstange dran, ebenfalls kein Problem. Die Pumpstange besteht im oberen Teil aus Eisenrundmaterial, welches in einer Klaue endet. Darin steckt der untere Teil aus Holz. Dieser war leider nach einigen Metern verrottet. Vermutlich da, wo einmal das Wasser gestanden hatte. Im oberen Teil gabs noch ein meterlanges Meisennest, vermutlich viele Generationen alt. Das sollte mir noch einigen Ärger bereiten…

Die Problematik bestand darin, dass sich das Nestmaterial nicht einfach rausziehen liess. Versuche mit Spiraldrähten, Haken an Stangen und ähnlichem scheiterten an den kurzen Halmen, aus denen das Nest bestand. Es fiel einfach auseinander und verschwand weiter unten.

Weiter unten versuchte ich dann, mittels einer ewig langen, mehrteiligen Stange, an die ich oben einen Stahlstab und unten einen Stahlhaken angebracht hatte, den vermuteten Gusskolben zu angeln.
Das gelang mit nicht, ich dachte, wegen der Nestreste darüber. Zwischendurch liess ich auch eine Taschenlampe hinab, erkannte aber lediglich, dass es einen „Grund“ ö.ä. gab sowie einen Absatz im Rohr, der den lichten Querschnitt nach unten hin verringerte. Taschenlampe also wieder raus. Irgendwie hatte ich in diesen Tagen oft abends noch Energie, so dass ich bald merkte, dass man besser im Dunkeln arbeitet, wenn man in dunklen Brunnen observieren will. Man sieht einfach mehr. Ein paar weitere Tage vergingen, ich hatte inzwischen eine kleine Rohrkamera bestellt, mit 10m Kabel. Die liess ich hinab, enttäuscht zuerst vom Ergebnis. Nach und nach kam ich besser klar mit der ungewohnten und eingeschränkten Sicht. Ich sah erstmals, was da unten los war: Ich hatte schon mit der Stange einen mysteriösen weiteren Absatz gefühlt, nun sah ich, dass dies der Rest des Pumpengestänges war. Zwei Flacheisen, die eine Klaue bilden, verbunden mit Zwei Schrauben. Sicher hielten die mal die Holzstange. Zwischen den beiden Eisen war eine modrige Masse, vermutlich Reste des Holzes und Schlamm. es gelang mir, nachdem ich einen Haken an den Kamerakopf gebastelt hatte, eine der Muttern zu
greifen. Also zog ich am Kabel, nun ja. Zum Glück geschah nichts. Also die Kamera an die Stange montiert, Stange gebrochen, weil zu lang und instabil, neu gebaut, und hinabgelassen. VIEL mehr Kontrolle, ich konnte mich richtig im Schacht „bewegen“. Das Problem mit der Stange war, sie heil in den Schacht zu bekommen. Ich stand auf einer Leiter, die ans Brunnenrohr lehnte, in 2m Höhe, und musste eine zu dünne 6m-Stange mit einer empfindlichen Kamera am unteren Ende und bruchgefährdeten Partien in den Brunnen balancieren. Ich konnte sie natürlich nur am unteren Ende halten, so dass es jedesmal eine Wackelpartie wurde. War sie erstmal im Rohr, gings abwärts, Blick leicht seitlich an der Wandung entlang, hops, der Absatz, weiter runter zur Klaue. Die liess sich seitlich bewegen, wenn ich die Stange mit dem Haken etwas drehte. Dann konnte ich auch daran vorbei bis zu den Strohresten runter, danach war Schluss. Das Einhaken der oberen Mutter gelang mir inzwischen sicher und wiederholt, brachte aber nichts, ausser der Erkenntnis, dass das Teil sehr fest im Rohr saß. Ich brauchte mehr Zugkraft. Also das System verbessert: Neuen Haken gebogen, ein starkes Seil daran, und  das ganze im Sichtfeld der Kamera an der Stange befestigt. Klebeband. Wackelige Stange mit Kabel und Seil ins Rohr, Abfahrt in bekannte Gefilde und zu meiner freudigen Überraschung gelang es mir mit dem neuen Haken, die Moderreste zwischen den Flacheisen soweit wegzuarbeiten, dass ich in die Schraube einhaken konnte. Zum Glück liess sich die Stange vom Seil abziehen, so dass keine Gefahr der Kamerabeschädigung mehr bestand. Ich zog also am Seil, ohne Erfolg. Dann baute ich den Schwengel als naheliegendsten Hebel an, Seil umgelenkt, ge“pumpt“, kein Erfolg: Das Seil dehnte sich und bekam eine gruselige Scheuerstelle. Ein Zugpunkt direkt über dem Rohr musste her. Deshalb baute ich erstmal ein einstöckiges Gerüst auf und zog testhalber von dort, erfolglos. Ich hatte ja noch eine Stahlseilwinde im Repertoire, nur wie konnte ich elegant das geschwächte Seil überbrücken und den guten Hakenpunkt nutzen? Der Haken hatte an seinem oberen Ende einen weiteren Haken, nach unten offen, der das Seil hielt. dann kam zuerst ein kurzes Stück gedoppeltes, aber schwächeres Seil und danach das starke Seil. Also bog ich einen Stab mit einem größeren Ring am Ende und einem kleineren Ring, in den ich das Stahlseil binden wollte. Aus einer Laune testete ich aber erstmal mit einer Kette. Das ging so: Starkes Seil durch den Ring, Ring daran entlang mit der Kette nach unten, Kette mit Ende vom starken Seil verlängert (dummer Fehler). Als ich unten war, gelang es mir nach kurzem hantieren, den Ring einzuhaken. Leider kam ich nicht mehr an die Kette, weil sie bereits einen guten Meter im Rohr steckte. das Stahlseil mit dem Starken Seil zu verbinden wäre ja Unsinn gewesen, deswegen zog ich nach etwas Gefummel die Ringkette wieder heraus und liess diesmal das geschlaufte Ende des Stahlseiles mittels eines Eisengewichtes runter, welches sich sogleich einhakte. Diese ganze Aktion erstreckte sich nun schon über einige Tage. Ich zog also ordentlich auf Spannung, worauf sich aber nichts bewegte. Das liess ich erstmal so über Nacht, in der Hoffnung auf Lockerung. Am nächsten Tag hätte man auf dem Stahlseil immer noch Geige spielen können. Mein Plan war also, das Rohr zu fluten und dann mit dem Betonrüttler zu rütteln, einer Art Bohrmaschine mit 2m langem Schlauch und einer Metallhülse am Ende, die man zum Verdichten in flüssigen Beton steckt. Das lärmte dann ganz ordentlich und alles zitterte und vibrierte bis hinunter zum Haken, leider ohne Erfolg. Als ich es übertrieb mit dem Ziehen, versagten die Frösche, die die Stahlseilschlaufe verschlossen gehalten hatten. Das Zuggewicht blieb unten, die Frösche auch. Na egal, sagte ich mir, ich hab ja noch ne Idee. Die Idee bestand darin, statt zu ziehen einfach zu schieben. Nur ein Stück, um den Kolben zu lösen und dann hochzuziehen. Inzwischen wusste ich, dass der Kolben aus Holz war. Dazu benötigte ich eine lange Stange aus Metall. Ich wusste auch, wo ich eine finden würde. Es gab an unserem Haus drei solche Stangen, angeblich Masten alter Fernsehantennen. Neun Meter lang, unten einbetoniert und am Ortgang angeschraubt. Ich suchte mir eine aus, flexte kurzerhand unten bündig ab und drehte sie oben aus der Halterung. Hebel genug war ja da. Sackschwer, das Teil, und als sie oben freikam, musste ich sie im Fall daran hindern, das kleine Dach eines Revisionsschachtes für die Trenntoilette, aber das ist eine andere Geschichte, nun, zu treffen. Sie traf nicht, sondern landete mit geringem Flurschaden und wie erhofft. Der Wahnsinn stieg unbeirrbar weiter Richtung Gipfel. Ich zerrte und schleifte also diese unglaublich schwere Stange zum Hauptschauplatz. Zuerst verschraubte ich sie sicherheitshalber mit einer Maschinenschraube M10, damit die aus zwei Teilen bestehende Stange sich nicht mehr teilen konnte. Nur zur Sicherheit, denn die zwei Teile waren fest zusammengerostet. Aber man kennt das ja. Wie also eine neun Meter Stange in zwei Meter Höhe in ein 125mm weites, senkrechtes Rohr bugsieren? ich dachte daran, ein Ende vom Hausdach aus hoch zu ziehen und das andere Ende dann ins Rohr zu stellen, aber wie aufrichten? Also baute ich noch eine Gerüstetage auf, installierte ein Flaschenzugsystem aus meinem Klettergerödel und hievte die Stange hoch, während das Gerüst bedenklich schwankte (-siehe Abschnitt „Wahnsinn“). Ich bekam alles stabilisiert, konnte die Stange senkrecht neben und parallel zum Brunnen platzieren und sicherte erstmal mit einem weiteren Kletterseil das Gerüst. Falsche Reihenfolge, aber war ja nochmal gutgegangen. Dann baute ich eine große Rohrschelle oben ans Gerüst, Stange rein und mit dem Flaschenzugsystem konnte ich die Stange stückweise hoch, in das Brunnenrohr und dann Stück für Stück ablassen, bis der Kolben erreicht war. Irgendwie hing das Seil mit der Stange zusammen, aber das war mir egal. ich nahm also einen Vorschlaghammer und drosch, oben auf dem Gerüst hockend, auf die Stange. Die versank einen halben Meter, doch es tat sich weiter nichts. beim Versuch, sie wieder herauszuziehen, verbog ich eine Gerüststange. Einbau einer neuen Windenstütze, zweieinhalb Stockwerke hoch. Zusätzlich versuchte ich es mit drehen. Ein kurzes Rohr war mittels Rohrverbinder schnell montiert, so dass ich die Stange mit einigem Kraftaufwand tatsächlich drehen konnte. Also Leiter hoch, Spannung drauf, runter, drehen, hoch, spannen, runter drehen, hoch, spannen, runter, drehen, schwupp, Stange frei. Leider war es mir nicht gelungen, den ganzen Kolben zu drehen. Die Stange war unten hohl, deshalb versank sie im Holzkorpus des Kolben.

Aus Spass eine kleine Auflistung der Werkzeuge und Materialien bisher:

  • Leiter 3tlg.
  • Hammer
  • Wasserpumpenzangen
  • Maulschlüsselsatz
  • Besenstiel
  • Draht
  • Haken aus Nagel
  • Wurfschnur
  • Zollstock
  • Klebeband
  • 6m Stange aus längs halbierten Dachlatten (ca.4×6)
  • Schrauben
  • Spitze und Haken aus Baustahl gebogen, im Schraubstock
  • die Rohrkamera, 10m USB-Kabel
  • Laptop
  • neuer Stahlhaken gebogen
  • ca. 15m Segelschot
  • kurzes Hilfsseil
  • Baugerüst, zwei Etagen plus
  • Wasserschlauch und Wasser
  • Kette mit Stahlring
  • Stahlseilwinde
  • Eisengewicht vom Schrott
  • Betonrüttler
  • Verlängerungskabel
  • Flex, Ohrenschützer, Schutzbrille
  • Bohrmaschine mit Metallbohrern
  • M10 Schraube mit Mutter
  • Industriekletterausrüstung

So weit, so gut. Noch ist an ein Aufgeben nicht zu denken, wobei ich mittlerweile im Netz gelesen habe, dass jemand mit ähnlicher Problematik kurzerhand mittels Gabelstapler den ganzen Brunnen ans Tageslicht geholt hat. Aber soweit bin ich noch nicht.

Nachtrag: Ich habe es geschafft! -Genauer gesagt, hat mich die Vernunft in Form eines nieselnden Novenbertages wieder auf den Boden zurückgeholt. Nach einigem Versuchen, nämlich dem Umdrehen der Stange, damit ich mit dem geschlossenen Ende stoßen konnte, weiteren Seil-Hakenaktionen und Kameraobservationen habe ich beschlossen, dass irgendwann auch bei Irrsinnsaktionen ein Schlussstrich gezogen werden muss. Also habe ich alles wieder abgebaut. Die Stange raus, umgeworfen, Seil raus, Kamera, haufenweise vertüddeltes Seilwerk abgebaut, das Gerüst runter (inkl. kurzen Rückfalles, man könnte ja EIN Geschoss stehen lassen für etwaige Kamerachecks..), also Abbau dann komplett, Seile und Bandschlingen in die Waschmaschine, Werkzeuge gespült. Mit dem guten Gefühl, dass mir das Remontieren des Schwengels und das Aufsetzen der Blechhaube aufs Brunnenrohr gab, sehe ich einer Zukunft entgegen, in der ich ja vielleicht demnächst mal mit besserer Kamera und Roboterarm….naja. Oder ich versuchs mal mit Lebkuchenbacken, oder so.

to be continued-

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